Berücksichtigung von Öko-Materialien in LENOZ

jeudi 09 mars 2017

Welchen Stellenwert haben/wie wichtig sind Baumaterialien in der LENOZ-Bewertung? Baumaterialien und Konstruktionen spielen in der LENOZ-Bewertung natürlich eine wichtige Rolle. LENOZ fokussiert sich allerdings nicht nur auf Baustoffe und Konstruktionen. Vielmehr soll das Zertifikat eine Aussage zur Gesamt-Nachhaltigkeit eines Gebäudes und dessen Einbettung in das Umfeld darstellen. In die ökologische Bewertung der Baumaterialien und Konstruktionen werden die Umweltauswirkungen und der Primärenergiebedarf bei der Herstellung über den Lebenszyklus berücksichtigt. Die Einordnung des Gebäudes erfolgt jeweils über einen Vergleich mit einem Gebäude in „konventioneller“ Bauweise. Dabei werden alle Bauteile der thermischen Gebäudehülle und die innere Struktur, wie Geschossdecken und Innenwände, zu einem Gebäudekennwert zusammengeführt und mit einem für das Projekt individuell ermittelten Referenzwert verglichen. Dadurch wird ein transparenter Vergleich von Gebäuden auch mit unterschiedlichen Architekturen ermöglicht. Bezogen auf alle Kriterien macht die Bewertung der Umweltauswirkungen und des Primärenergiebedarfs für die Herstellung des Gebäudes etwa 17% der gesamten LENOZ-Bewertung aus. Darüber hinaus spielt die Demontierbarkeit von Konstruktionen eine wesentliche Rolle in der Nachhaltigkeitsbewertung. Ist bekannt welche Materialien und Baustoffe im Gebäude verbaut sind und sind diese wieder leicht voneinander trennbar, sind die Weichen für ein zukünftiges Recycling gestellt.

Wie erfolgt die Bewertung nachhaltiger Baustoffe? Welche Kriterien kommen zur Anwendung, um festzustellen, ob ein Baustoff ökologisch ist oder nicht? Grundlage der Bewertung sind fünf Umweltauswirkungen: Überdüngungs-, Versauerungs-, Ozonbildungs- und Ozonabbaupotential sowie die entstehenden CO2-Emissionen (globale Erwärmung) INTERVIEW MIT MARKUS LICHTMESS, DR. ING., GOBLET LAVANDIER & ASSOCIÉS Berücksichtigung von Öko-Materialien in LENOZ Baumaterialien sind ein wesentlicher Bestandteil der Nachhaltigkeit eines Gebäudes. LENOZ bewertet deren Umweltauswirkungen mit 5 Kriterien. Markus Lichtmess DOSSIER ÉNERGIE TECHNIQUE FORMATION ACTU INNOVATION SMART ENTREPRISE AGENDA NEOMAG und der Primärenergiebedarf für die Herstellung der Baustoffe. In LENOZ werden die Umweltauswirkungen in einem gemeinsamen Kennwert Ienv zusammengefasst. Der Primärenergiebedarf zur Herstellung der Konstruktionen (graue Energie) wird mit dem technischen Primärenergiebedarf (Heizen, Warmwasserbereitung, Lüften und Hilfsenergie) verrechnet und durch den Kennwert Iprim beschrieben. Dadurch erhält man einen guten Eindruck darüber, wie hoch der anteilige Primärenergieaufwand für die Herstellung des Gebäudes ist, im Vergleich zu demjenigen der für das Konditionieren im Laufe von 30 Betriebsjahren erforderlich ist. Die Bewertung eines Baustoffs erfolgt einheitlich über sogenannte Produktdeklarationen (EPD). Dadurch wird ein transparenter Vergleich zwischen einzelnen Baustoffen ermöglicht und für Hersteller existiert eine standardisierte Methode, ihre Produkte über ein EPD bewerten zu lassen. In LENOZ steht bereits eine umfangreiche Datenbank zur Verfügung, in welcher derzeit etwa 1.000 allgemeine und herstellerspezifische Baumaterialien enthalten sind. Hersteller, die Ihre Baumaterialien besonders umweltfreundlich herstellen und ihren Prozess über eine Produktdeklaration (EPD) bewerten lassen, werden dadurch im Markt transparent.

Werden die Auswirkungen von Baustoffen auf den menschlichen Organismus in der LENOZBewertung berücksichtigt? Die Gesundheit & Raumluftqualität ist ein sehr wichtiges Kriterium. In LENOZ werden derzeit Kriterien für Materialien und Baustoffe einbezogen, die einen mehr oder weniger unmittelbaren Kontakt zum Innenraum haben. Diese sollen bestmöglich Schadstofffrei sein und betrifft Bodenbeläge, deren Verlegung und Oberflächenbehandlung, Putze, Tapeten und Anstriche und die Elektroverkabelung. Erfahrungsgemäß sind die verwendeten Baumaterialien der thermischen Gebäudehülle jedoch nicht die einzige Ursache für ggf. zu hohe Luftschadstoffwerte in Gebäuden. Oftmals sind es Möbel, Reinigungsmittel oder andere Gegenstände, die ein hohes Emissionspotential an flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) mit sich bringen. Nachdem die Weichen für ein geringes Emissionspotential bei den verwendeten Bauprodukten gestellt sind, können in LENOZ deshalb auch zusätzliche Nachhaltigkeitspunkte vergeben werden, wenn die Raumluftqualität des Gebäudes gemessen wird und dem Gebäude einen Unbedenklichkeit ausgesprochen werden kann. Dadurch hat der Bewohner eine höhere Sicherheit. Es ist jedoch geplant das Kriterium der Gesundheit & Raumluftqualität zukünftig detaillierter zu betrachten.

Welche Materialien sollten bevorzugt verwendet werden? Also Materialien, die die meisten Punkte bei der Bewertung bekommen…hinsichtlich der Umweltauswirkungen und des Primärenergiebedarfs. Es hängt allerdings auch sehr vom individuellen Baustoff ab. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: konventionelle Baumwolle als Dämmung hat, bezogen auf Europa, eine vergleichsweise schlechte Umweltverträglichkeit aufgrund langer Transportwege, eines hohen Pestizideinsatzes und dem üblichen Anbau in Monokulturen und schneidet in der Baustoffbewertung schlechter ab als Mineralwolle. Wird die Baumwolle allerdings ökologisch hergestellt, weist der Dämmstoff eine deutlich bessere Umweltverträglichkeit auf. Es gilt also sich nicht nur auf sein Bauchgefühl zu verlassen, sondern die Materialien und Baustoffe miteinander zu vergleichen. In LENOZ wird beim Neubau immer die gesamte Gebäudekonstruktion bewertet – also nicht nur die Dämmung sondern auch die tragende Konstruktion. Bezogen auf die tragende Konstruktion hat der Werkstoff Holz naturgemäß eine gute Umweltverträglichkeit. Das heißt jedoch nicht, dass Gebäude in massiver Bauweise nicht auch die höchste Nachhaltigkeitsklasse erreichen können, sofern sie mit umwe lt f re un dlic h e n Dämmstoffen kombiniert werden. Ein Ziel ist es auch zukünftig ressourcenschonender zu bauen und bewährte Systeme mit neuen Ansätzen zu kombinieren. Es macht schon einen Unterschied, ob eine Bodenplatte pauschal mit einer Dicke von 35-40 cm eingebaut wird – weil immer so gebaut wurde – oder ob bei genauerem Hinsehen statisch nicht auch 25 cm ausreichen. Für eine erfolgreiche Umsetzung nachhaltiger Gebäude sind deshalb alle am Planungs- und Ausführungsprozess beteiligten Parteien gefordert Diese Frage kann man pauschal nur bedingt beantworten. Materialien, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, sind oft vorteilhaft.

MARKUS LICHTMESS, DR. ING., GOBLET LAVANDIER & ASSOCIÉS - NEOMAG #5